5 gute Gründe für Usability-Tests

Jürgen Baumgartner
Jürgen Baumgartner, 1. November 2016

Sie befinden sich in einem leicht abgedunkelten Raum vor einem Tablet. Sie bedienen gerade eine neue Applikation, von deren Existenz Sie bis zum heutigen Tag noch nichts gewusst haben. Eine Kamera ist auf Sie gerichtet. Zu Ihrer Linken liegt ein Stapel sichtbar abgenutzter Blätter mit Aufgaben, die Sie zu lösen haben. Rechts von Ihnen sitzt ein Herr mit Schreibblock, der die ganze Zeit zu Ihnen herüber schaut und Sie ab und zu auffordert, zu sagen was Ihnen denn gerade durch den Kopf geht.

Nein, Sie befinden sich weder auf einem Filmset noch in einer Sitzung mit Ihrem Psychotherapeuten. So oder ähnlich sieht das Setup eines Usability-Tests aus, eine der bekanntesten Methoden zur Bestimmung der Gebrauchstauglichkeit (Usability) eines interaktiven Produktes.

Dabei geht es ganz einfach darum, repräsentative Testpersonen bei der Nutzung eines Produkts zu beobachten. Auf diese Weise erhält man wertvolle Einblicke in das Verhalten der Nutzer und man kann feststellen, wo Probleme und Unsicherheiten bei der Bedienung auftauchen. Da wir keine Gedanken lesen können, werden die Testpersonen aufgefordert, laufend zu kommentieren, was ihnen durch den Kopf geht. Dadurch erhält man Hinweise, warum eine Testperson Schwierigkeiten bei der Bedienung hat.

Das Ziel besteht darin, möglichst viele Hindernisse zu identifizieren, damit diese in Zukunft aus dem Weg geschafft werden können und das Produkt einfacher zu bedienen wird.

Ein solcher Test bringt durchaus ein gewisses Mass an Aufwand mit sich. In der Regel werden fünf bis acht Nutzer getestet. Pro Testperson ist mit 1 bis 1.5 h Durchführungszeit zu rechnen. Dazu kommt die Zeit für die Vorbereitung und Aufarbeitung der Ergebnisse. Wieso sich dieser Aufwand lohnt und was für Vorteile dieses Vorgehen mit sich bringt, können Sie in den folgenden Abschnitten lesen.

visual01_treffen Grund 1: Echte Nutzer treffen

Durch Usability-Tests erhält man die Möglichkeit, echte Nutzer zu treffen und von ihren Bedürfnissen und Erwartungen zu erfahren. Man kann den Nutzern so ein Gesicht geben und stellt einen persönlichen Bezug zu ihnen her. Man weiss nachher auch, das man für sie designt. Dies ist meines Erachtens wertvoller, als sich ein hypothetisches Bild über den Nutzer zu machen, das nur teilweise der Realität entspricht (z.B. mit Personas).

visual02_probleme Grund 2: Probleme identifizieren

Durch Usability-Tests werden Probleme erkannt, die bei der Nutzung eines Produkts auftreten.. Die Resultate solcher Tests bieten die Grundlage für die Verbesserung des Produktes und dessen User Experience. Je häufiger ein Problem auftritt, desto wichtiger ist es, dieses zu beheben.

visual03_verhalten Grund 3: Einblicke in das Verhalten der Nutzer gewinnen

Usability-Tests ermöglichen einen direkten Einblick, wie Nutzer mit einem Produkt umgehen. Das Verhalten eines Nutzers wird durch den Test beobachtbar und wird nicht durch seine subjektive Meinungen verzerrt. Dadurch, dass die Testpersonen jeweils aufgefordert werden “laut zu denken”, erhält man zusätzlich Einblick in das mentale Modell der Nutzer. Dies hilft, die Beobachtungen richtig zu deuten und sinnvolle Empfehlungen für die Lösung eines Problems zu entwickeln.

visual04_check Grund 4: Health Check für das Produkt

Durch Usability-Tests können wir besser einschätzen, ob die Produktentwicklung auf dem richtigen Weg ist und wo man noch nachbessern muss. Je früher getestet wird, desto einfacher kann man die notwendigen Kursänderungen in die Wege leiten. In einer frühen Projektphase ist es auch vergleichsweise billiger tiefergreifende Änderungen umzusetzen als gegen Projektende, wenn der Code schon in Stein gemeisselt ist. Häufigeres Testen verringert zudem das Risiko, etwas Falsches zu entwickeln. So können Ressourcen gezielt für die Entwicklung und Ausarbeitung relevanter Features verwendet werden.

visual05_zuschauer Grund 5: Alle können zuschauen

In der Regel haben Kunden bei einem Usability-Test die Möglichkeit, in einem separaten Raum zuzuschauen. Ganz nach dem Motto von Steve Krug (2010), “Make it a spectator sport”, können Projektmitglieder/Stakeholder mit eigenen Augen sehen, wie das Produkt ankommt und wo Nutzer Probleme haben. Dies ermöglicht Vermutungen und Mythen über die Nutzer zu klären und schafft ein gemeinsames Problemverständnis, das mit anderen Methoden kaum zu erreichen ist. Voraussetzung dafür ist, dass man sich die Zeit nimmt um zuzusehen.

Usability ist nach wie vor ein wichtiges Qualitätsmerkmal eines interaktiven Produkts, das massgeblich über den Erfolg oder Misserfolg eines Produktes entscheidet. Gute Usability ist heutzutage nicht mehr ein Alleinstellungsmerkmal für den Markterfolg, sondern eine notwendige Voraussetzung um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Entscheidung für oder gegen die Nutzung einer App steht und fällt mit der Bedienbarkeit. Eine App auf dem Smartphone ist schnell installiert. Sie ist aber auch schnell wieder deinstalliert, falls die Bedienung nicht der Nutzererwartung entspricht und einfachere Alternativen existieren.

Daher empfiehlt es sich, ein Produkt kritisch auf seine Benutzbarkeit zu prüfen. Usability-Tests sind am besten geeignet, um direkt von potenziellen Nutzern zu lernen und sinnvolle Verbesserungen vorzunehmen. Wir haben bisher in unserer Praxis noch nie einen Kunden getroffen, der einen Usability-Test bereut hat. Aber dafür muss man ihn erst mal durchführen.