Online oder Offline?

Flavio Lötscher
Flavio Lötscher, 30. Januar 2020

Das ist der dritte Blogpost der Serie über den Digitaltag 2019 in Bern, bei dem We Are Cube anwesend war und die Besucher*innen zur Reflexion angestossen hatte. Wie verändert die Digitalisierung Deinen Alltag? Was macht Dir Angst und wo siehst Du den Nutzen? Im ersten Beitrag haben wir die Idee von dem (analogen) Würfel vorgestellt, welcher mit Kommentaren und Meinungen von Besucher*innen versehen wurde. Wie die Digitalisierung die Zusammenarbeit optimiert, aber auch soziale Vereinsamung beeinflusst und was am Digitaltag dabei herausgekommen ist, erfährst Du hier.

Im folgenden Kurzbeitrag geht es um das Spannungsfeld zwischen den beiden Welten – Online versus Offline.

„Wieso kein Offlinetag, statt Digitaltag?” Anlehnend an die Bemerkung eines jungen Besuchers, stellen wir fest, dass unser Alltag immer mehr durch die digitalen Medien bestimmt wird. In der Tat könnte man meinen, dass z.B. gerade warme Monate im Sommer einen Tagesverlauf ohne Smartphone begünstigen. Doch dem ist gemäss dem Voting unserer Besuchenden nicht so. Auf die Frage hin, ob es im Monat August einen ganzen Tag ohne Smartphone gab, antworten doch etwas mehr als die Hälfte (59 von 104 Stimmen) mit einem “Nein”. Vermutlich ganz ohne geht es nun doch nicht. Gemäss der James Studie 2016, welche Jugendliche zu ihrem Medienkonsum befragt, werden Kommunikationsdienste am häufigsten benutzt.

Auch im Arbeitsleben verbringen einige Besucher*innen ihre Pausen häufiger am Smartphone als in realen Konversationen. Der digitale Triumph? Rund 64% der Befragten finden, dass ohnehin zu viel Zeit für das Smartphone aufgewendet wird. Woran liegt das? Sind wir zu oft abgelenkt und lassen uns dann von externen Impulsen steuern?

Über Benachrichtigungen und Aufmerksamkeit

Wir kennen den Moment; Mitten in einem Gespräch vibriert es in der Tasche, ein nerviger Klingelton und die Aufmerksamkeit reisst innert Sekunden auf das intelligente Gerät. Ganz automatisiert tauchen wir in die Online-Welt ein. In unserer Umfrage am Digitaltag kam heraus, dass die Mehrheit der Besuchenden denken, weniger als 50 Benachrichtigungen pro Tag zu erhalten. Spannend allerdings ist es zu analysieren, wie oft ein Smartphone pro Tag wirklich benachrichtigt, welche Dienste genutzt werden und wie viel Zeit diese beanspruchen. An erster Stelle gilt es also, seinen eigenen Digitalkonsum zu reflektieren. Die Macher von Rescuetime, einem Werkzeug für das Tracken und Reflektieren von „Screentime“, sprechen hier über die Zahlen. Basierend auf dem Verhalten von 11’000 Nutzern, zeigt sich eine Screentime von  durchschnittlich über drei Stunden pro Tag. Weiter nehmen die Nutzer ihr Smartphone täglich 58 mal auf (Pick-Ups). Inwiefern diese Zahlen im Verhältnis zu jugendlichen Nutzenden in der Schweiz stehen, wird z.B. anhand der James Studie der ZHAW ersichtlich.

Um geeignete Strategien zu entwickeln und den (gesunden) Umgang mit dem Gerät zu optimieren  können eben diese Werkzeuge helfen (z.B. durch reduzierte Screentime oder Pick-Ups, also wie oft ein Smartphone pro Tag in die Hand genommen wird) – Tipps und Tricks dazu, gibt es hier.

 

Social Media oder doch offline Kommunikation?

Social Media Plattformen eröffnen neue Tore der Kommunikation. Vermittelt die aktive Beteiligung ein Gefühl der Verbundenheit und trägt zur sozialen Beziehungsgestaltung bei? Das mag für einige so sein, doch die Besucher*innen finden, dass die Abwesenheit von diesen Kanälen keinen Einfluss auf das Gefühl der sozialen Isolation hat. Sie fühlen sich also nicht ausgeschlossen, wenn sie nicht auf diesen Plattformen unterwegs sind. In die gleiche Richtung deuten die Ergebnisse der Frage nach der Häufigkeit von Kommunikation mit Freunden und Freundinnen. Obwohl es etliche Möglichkeiten gibt, bevorzugen die meisten doch die reale, physische Kommunikation. Vermutlich sind die Kommunikationsdienste hier ein Mittel zum Zweck. Echte Erlebnisse beinhalten alle menschlichen Sinne, Emotionen und einen physischen Kontext und sind (noch) schwer in die Digitale Welt zu überführen. Das führt uns zum nächsten Thema. Menschsein.

Ein Post-It und Zitat von Stuart Russels, einem führenden Forscher in Künstlicher Intelligenz, findet mit vielen “likes” der Besuchenden grossen Anklang.

“Hört auf, alle mathematisch und technisch umzuschulen. Wir brauchen nicht Milliarden von Data-Scientists. Studiert besser Psychologie: das Menschsein ist in Zukunft gefragt” – Stuart Russels

Das Verfliessen der Grenzen von Mensch und Maschine

Können Maschinen in Zukunft Gefühle zeigen? Gemischt und unsicher, meinen die Besucher*innen. Was man sich darunter vorstellen kann, weiss (noch) niemand so genau. Wieweit sollen digitale Assistenten, Roboter und Technologien in unser Leben eingreifen? Ein kürzliches Beispiel ist Lovot – ein an der CES 2020 vorgestellter Roboter, entwickelt in Japan, für die Betreuung von einsamen Menschen.

Oder wie es das Zitat auf dem Würfel beim Digitaltag von Richard David Precht formuliert:

“Eine wünschenswerte Zukunft besteht nicht darin, dass der Mensch sich an die Technik anpasst, sondern dass die Technik sich an die Bedürfnisse des Menschen anpasst.” – Richard David Precht

Überdurchschnittlich viele Besucher*innen stimmen dieser Aussage zu. Umso wichtiger wird also in Zukunft auch das Erkennen der Bedürfnisse, die Gestaltung der digitalen Möglichkeiten und die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Der Mensch als Nutzer*in im Zentrum und die Technologie darum herum und nicht umgekehrt. Also ganz im Sinne von Human-Centered-Design.